Wählst Du die Hand des Vaters oder die der Verzweiflung?

Nicht umsonst bezeichnet Kierkegaard die Verzweiflung als die Krankheit zum Tode. Die letzten Wochen hatte sie ihre Ketten um mich gelegt, denn ich vergaß eines: Ich bin für mehr geschaffen und den innerweltlichen Weg muss ich nicht alleine gehen. Ich hatte vergessen, dass Gott das eigentliche Gut ist, dem ich nachstreben sollte.


Ich habe die letzten Wochen mit vielem gehadert, am meisten mit mir selbst. Ich konnte es mir einfach nicht recht machen. Wenn ich auf dieses Jahr 2020 blickte, dann wurde mein Herz immerzu von Enttäuschung über mich selbst erfüllt. Kein schönes Gefühl, wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst.


Warum? Ich sah einfach Nichts. An der Stelle, wo meine Träume und Pläne waren, die ich wünschte bis heute bereits erfüllt zu haben, war nichts dergleichen.


Ja, ich habe meinen Abschluss gemacht, aber danach? Danach verfiel ich regelrecht in ein Loch, in dem ich keine Motivation mehr fand. Ich hab Dinge begonnen und sie wieder abgebrochen. Ich habe so viel Zeit damit verbracht mir den Kopf über zig Möglichkeiten und wie sie ausgehen könnten, wenn ich den ersten Schritt setzen würde, zu zerbrechen, dass ich stehen geblieben bin.


Verzweiflung, das ist das Gefühl, das mich in den letzten Wochen oft begleitet hat.


Verzweiflung, denn ich sah mich damit konfrontiert, wie andere immer weiter voran kamen und ich stehen blieb. In meinen eigenen Augen sank mein Wert. Das ist die harte Wahrheit.

Ich dachte, dieses Denken überwunden zu haben, doch ich musste feststellen, dass dem nicht so war.


Im Hinblick auf meine akademischen Leistungen und meine Karriere leistete ich nichts mehr. Ich habe den Beginn meines Doktorats verschoben und ein Bewerbungsgespräch für den Job meiner Träume abgesagt. Das allerdings mit gutem Grund: Um mich ganz auf meine Schwangerschaft einlassen zu können und in den kommenden Monaten mit ungeteilter Aufmerksamkeit für meinen Sohn sorgen zu können.


Doch obwohl mein Motiv edel war, reichte es meinem Denken nicht. Ich wollte mehr, ich brauchte mehr – vom Erfolg, vom Erreichen meiner akademischen Ziele. Immer wieder begann die Verzweiflung an meinem Herzen zu nagen und quälte mich mit Aussagen wie: „Jetzt wo Du Mama bist, wirst Du niemals die Zeit finden Dein Doktorat zu machen.“

Und das obwohl auch mein Sohn ein wahnsinnig großes Ziel meines Herzens war. Manchmal vergaß ich in diesen Momenten, wie sehr ich unseren Sohn herbeigesehnt hatte. Wie viele Tränen ich schon vorab für ihn vergossen hatte, weil er noch nicht bei uns war.


Du siehst also, die letzten Wochen fand ein intensiver Kampf in mir statt. Die Hauptfrage: Würde Mama zu sein genug sein und wie sollte ich jemals die Zukunft bestreiten können, so dass ich meine restlichen Sehnsüchte leben könnte?


Und dann las ich vor wenigen Tagen Worte, die mir seither nicht mehr aus dem Kopf gehen:

„Warum verzweifelt jemand? Entweder weil er meint, wenn ein Unheil auf ihn zukommt, allein damit fertig werden zu müssen, obwohl er es nicht kann, oder weil er schuldig ist und glaubt, dass Gott ihm nicht verzeihen könne. Ist nicht sowohl im ersten als auch im zweiten Falle der Hochmut die Ursache? Der Mensch, der sich selbst helfen will, hat die Demut nicht, die Hand zum Vater auszustrecken und ihn zu bitten: ‚Ich kann nicht, doch du kannst. Hilf mir, denn auf dich hoffe und warte ich.‘“ (1)

Als ich diese Worte las, realisierte ich eines: In meinem Streben nach weltlicher Erfüllung, habe ich Gott zunehmend aus dem Blick verloren. Ich befand mich in einer Sackgasse, in der sich vor mir eine riesige Mauer emporhob, doch ich kam nicht auf die Idee meine Hand zum Vater auszustrecken und ihm meine Zukunft zu übergeben.


Natürlich betete ich für meine wachsende Familie, doch den anderen Teil der Zukunft ließ ich aus: Das individuelle Ich. Ich betete nicht mehr dafür, dass Gott mir einen Weg zeigte, wie ich meine Sehnsüchte erreichen könnte. Ich betete nicht mehr dafür, fruchtbar – für ihn – zu sein. Ich strebte vielem nach, aber nicht an seiner Hand. Ich wollte alles auf eigene Faust schaffen und verfiel so immer mehr der Enttäuschung und Verzweiflung. Ich hatte ganz einfach vergessen, dass ich den Weg nicht ohne Gott gehen musste. Ich hatte vergessen, wie alles Gut wird, wenn man es in die Hände Gottes legt. Ich hatte vergessen, dass Gott das eigentliche Gut ist, dem ich nachstreben sollte.


Gestern Abend war es als ich eines erkannte, das ich mit Dir teilen möchte: Sich dem Weltlichen hinzugeben, sich in Sorgen und Begehrlichkeiten der Welt fangen zu lassen, ist eine Erniedrigung unseres wahren Seins und unserer wahren Bestimmung, denn wir sind für mehr geschaffen. Wir sind für die Ewigkeit geschaffen. Wie sollte jemals etwas Vergängliches unser Herz für immer stillen? Ich denke, Kierkegaard hat die Verzweiflung zurecht als die Krankheit zum Tode betitelt, denn sie hält uns von dem ab, der das Leben ist, sie verdunkelt unseren Blick auf das einzige, was wirklich zählt: Gott. Die Ewigkeit.


Und ja, mir hat dieser zurechtgerückte Blickwinkel tatsächlich geholfen aus meinem Loch herauszufinden, denn mein Wert kommt nicht von irgendwelchen Leistungen. Ich bin für mehr geschaffen. Doch mit Gott kann ich sowohl für sein Reich als auch für meine Sehnsüchte mehr schaffen, als ich je erträumen könnte. Und das ganz ohne verzweifeln zu müssen.


Jetzt bleibt mir nur eines zu fragen: Welche Hand wählst Du? Die des Vaters oder die der Verzweiflung?


(1) Valtorta, Maria, Der Gottmensch. Leben und Leiden unseres Herrn Jesus Christus, Band II, Hauteville 1997, 48f

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© 2019 by Mag. Magdalena Preineder